Blogroman – Kapitel 2

Der König des dunklen Königreichs

(—> Zu Kapitel 1)

Jana atmete tief durch und schlich in das große, gemütliches Wohnzimmer zurück. Wie immer hielt sie in der Tür inne, lehnte sich an den Rahmen und ließ den Blick kurz durch den Raum streifen, bevor sie hineinging.

„Bloß nicht heulen, Jana! Du darfst dich nicht jedes Mal davon fertig machen lassen.” Leicht gedacht, schwer getan.

Wohnungsgestaltung war ein Hobby von ihr. Eins von vielen. Aber erst, seit sie und Marlene hier wohnten, fühlte sie sich zu Hause angekommen. Der Moment, wenn sie den Schlüssel im Schloss drehte, war wunderbar. Das Gefühl von Wärme und Liebe.

Die Wände waren bunt, die Fenster riesig. Pflanzen für die Fensterbänke. Jana fand, dass Pflanzen in einer Wohnung Lebensfreude schafften. Wandtattoos zierten die Tapete, eine weiße Couch. Ein Schreibtisch stand in jener Ecke, wo andere Menschen einen Fernseher stehen hätten. Jana hasste Fernsehen.

Sie waren hier glücklich gewesen, Nick und sie. Sie hatte gedacht, das sei DAS große Ding. Jana dachte an die vielen wunderbaren Situationen zurück. “Wann ist es so verdammt gekippt?”, fragte sie sich. “Wann hat seine dunkle Seite gewonnen?”

Früher legte sie keinen großen Wert auf Einrichtung, Hauptsache praktisch. Doch seit Marlene da war, verspürte sie das Bedürfnis, ein Nest zu bauen, ein eigenes, kleines Reich. Es sollte ihren Geschmack widerspiegeln, bunt und gemütlich sein. Daraus war ein lieb gewordenes Hobby entstanden: Kein Monat ohne eine neue Dekoration, keine Woche ohne dass Jana sich neue Ideen in ihrem Notizbuch aufschrieb und im Netz nach Inspirationen stöberte. Sie liebte Pinterest, seine Boards und die kreative Vielfalt dort.

Viel Geld besaß Jana nicht, aber sie beschäftigte sich damit, wie man viel Wohnlichkeit aus wenig Geld machen konnte. Es gab tolle Dinge zu lernen. Sie liebte es, dazuzulernen. Immer etwas Neues.

“Das liegt daran, dass ich mich das erste Mal richtig zu Hause fühle“, dachte sie und verspürte wie so oft diese Dankbarkeit. Sie war noch nie so glücklich gewesen. Das Leben hatte ihr schon oft nicht die besten Karten zugespielt.

“Du hast auch hart dafür gekämpft“, sagte sie zu sich selbst. Sie klopfte sich innerlich auf die Schulter. Wenn man keinen hatte, der das sonst tat, musste man das selbst übernehmen.


Es klingelte Sturm. Jana hätte schreien können. Sicher hatte Nick etwas vergessen oder wollte sie noch weiter verletzen. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie Nick, sonst so einfühlsame und liebevoll, in seinen “Phasen“ so rücksichtslos sein konnte. Er wusste, dass Marlene schlief – und wie wertvoll die kleinen Zeitinseln für Jana waren.

Es war, als wäre er zu einem anderen Menschen mutiert.

“Ich habe meinen Tabak vergessen“, blaffte er sie an und wollte an ihr vorbei in die Wohnung schieben. Seine dunkelbraunen Augen funkelten kalt.

Riesig war er, fast zwei Meter groß. Jana wirkte dagegen mit ihren 1,59 wie eine Zwergin. Wenn er so drauf war, fühlte sich das noch mehr so an.

Sie stellte sich ihm in den Weg, schaute ihm gerade in die verzweifelten Augen und sagte ruhig: “Du riechst nach Bier. So kommst du hier nicht rein. Ich hole deinen Tabak.“
Er funkelte sie böse an, widersprach aber nicht. Jana wusste, dass er trotz seiner Wut völlig harmlos war. Sie zwang sich, ganz ruhig zu bleiben.

Aus Erfahrung wusste sie, dass jedes weitere Wort von ihr nur zu einer Verschlechterung der Lage beitragen würde. Sie würde ihn nicht zu einer Einsicht bewegen würde. Sie war in Nicks Augen im Moment ein Monster. Völlig egal, WAS sie sagen oder tun würde. Seine Stimmen sagten es ihm – und er hörte auf sie.

Ob sie Verständnis zeigen, ihn einfach umarmen oder ihn anschreien würde: Er war nicht zu erreichen. Es war wie in dem Lied von Christina Stürmer “ Ohne dich“: Du bist der König deines dunklen Königreichs, doch du hast keine Macht. (Nicht mehr. Nicht über mich, denn ich kann allein sein….)“

So gab sie ihm wortlos seinen verdammten Tabak und machte die Türe zu. Sie versuchte, Traurigkeit und Wut nicht Herr ihrer Sinne werden zu lassen, denn sie hatte ein Kind zu versorgen und ihre Tochter brauchte sie. Bewusst konzentrierte sie sich auf ihr Wohnzimmer. “Fokus auf das hier und jetzt, Jana!“ sagte sie leise zu sich selbst. Das hatte sie in der Therapie gelernt.

Jana ließ sich auf die weiße Eckcouch sinken. Durch die Tür konnte sie Marlene im Bett liegen sehen. Ihre 11 Monate alte Tochter schlief tief und fest. Sie sah sehr friedlich aus im Schlaf, lächelnd und mit rosigen Wangen lag sie da und schnarchte ein bisschen. Jana dachte wie so oft, dass sie noch nie etwas Schöneres gesehen hatte, als dieses Kind. Ihr Kind. Es gab nichts, was je mehr Sinn gemacht hatte. Das kleine Mädchen hier, das war das, was zählte.

Charlotte

Vielseitige Autorin & Bloggerin, Onlinebiz Solopreneurin, Minimalistin, Mutter, Ex - Pflegekraft, Veganerin, auf dem Weg zu Zerowaste, autofrei. Wer versucht, mich in eine Schublade zu stecken, dem klemme ich darin den Finger ein.

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