Gib mir noch Zeit – Kurzgeschichte

Nach einer wahren Begebenheit

“Ich kann es gar nicht glauben!”, sagte Beate zu ihrer besten Freundin Mel. “Endlich hat dieses Hin und Hergescheuche ein Ende!”, sie lächelte glücklich.

“Du warst ja nicht mal zwei Monate am gleichen Ort!” meinte Mel und pustete sich verächtlich eine Haarsträhne aus der Stirn, „und das noch mit Kleinkind! Und dann sterben die alten Menschen ja auch. Dass du das kannst!”

“Ich liebe meinen Job. Von ganzem Herzen. Er ist meine Berufung! Aber diese Wechsel bei der Zeitarbeitsfirma haben mich echt fertig gemacht! Ich bin so froh, dass ich endlich eine feste Stelle habe! Und 13€ die Stunde zahlen sie! Aber das Beste ist, dass ich jetzt Zeit für Maja habe. Jetzt mache ich nur noch Frühdienste.”

Beate dachte an den Moment, in dem sie ihrer vierjährigen Tochter, mit der sie alleine lebte, von ihrer neuen Arbeit erzählt hatte.

“Und dann hole ich dich immer ganz früh aus dem Kindergarten ab. Jeden Tag. Nie wieder muss ich am Wochenende weg und nachmittags auch nicht!“

Maja hatte gestrahlt und einen Freudentanz aufgeführt.

Am nächsten Morgen kam Beate pünktlich um 5.30 Uhr auf der Arbeit an. Sie hatte zwar schon zwei Wochen im Seniorenpark Waldruh gearbeitet, doch sie war aufgeregt, als wäre es der erste Tag.

“Guten Morgen!”, begrüßte sie fröhlich ihre Kollegin Gabi, mit der sie die Frühschicht teilte. “Wer kommt noch?”

“Keiner heute! Du bist jetzt die zweite Fachkraft. Wir sind nur zu zweit.”, entgegnete Gabi. “Das wird wieder ätzend!”

“Ach, wir schaffen das schon,” versuchte Beate die schlechte Stimmung im Kern zu ersticken.

“Du hast gut reden. Bist noch grün hinter den Ohren. Wenn ich nur an die Mühlhäuser denke! Auf die habe ich null Bock! Nur am Jammern ist die! Alles macht man falsch!”

“Die ist doch voll lieb!”, sagte Beate. “Sie möchte sich wahrscheinlich nur unterhalten. Hat ja keinen mehr.”

Es ärgerte sie, wie ihre Kollegin über die alten Menschen sprach

Diese verdrehte genervt die Augen. “Noch redest du so. Ich gebe dir zwei Wochen, dann wirst du mich verstehen. Hoffentlich bleibt der Drache heute, wo der Pfeffer wächst!”

“Der Drache”, das war ihre Chefin, Frau Wenigern. Beate hatte sie nur ein paar Mal gesehen. Das einzige Mal, dass sie richtig mit ihr gesprochen hatte, war beim Einstellungsgespräch letzte Woche gewesen. Doch natürlich war ihr nicht entgangen, was ihre Kolleginnen von der Frau hielten.

Es blieb keine Zeit, den Kaffee auszutrinken. Um 7.30 Uhr gab es Frühstück. Beate hatte schon oft darüber nachgedacht, warum so früh gegessen wurde. Die alten Menschen saßen danach bis mittags nur herum.

Motiviert begann sie mit der Pflege von Herrn Schmidt. Der Mann war 89. Er war Soldat gewesen und hatte den zweiten Weltkrieg miterlebt. Körperlich war er recht fit für sein Alter, aber langsam wurde er sehr zerstreut.

“Guten Morgen, schönes Kind! Sie habe ich doch schonmal gesehen!”, sagte er fröhlich.

“Guten Morgen, Herr Schmidt. Haben Sie gut geschlafen?”, antwortete Beate herzlich. “Nun hole ich Sie mal aus dem Bett raus!”

“Na Sie gefallen mir! Damit ich wieder den ganzen Morgen gelangweilt in der Ecke sitzen kann! Und auf diesen Fraß kann ich verzichten!” Der alte Herr klang unvermindert gut gelaunt.

Herr Schmidt hatte viel zu erzählen und es war immer eine Freude, ihm zuzuhören. Nachdem er fertig angezogen war, zeigte Beates Armbanduhr schon 6:45 Uhr. Sie hatte nur noch eine Dreiviertelstunde Zeit. – für acht Bewohner.

Die nächste Seniorin war bettlägerig. Sie konnte sprechen, aber ansonsten gelang ihr nichts mehr ohne Unterstützung. Während Beate sie wusch und anzog, versuchte sie eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Die alte Dame war an diesem Morgen nicht gut gelaunt

“Die ganze Nacht wurde ich nicht umgelagert, DIE GANZE NACHT! Können Sie sich das vorstellen? Dieses junge Biest, das nachts immer kommt, ist so faul, dass es stinkt! Ich habe geklingelt. Sie hat einfach die Klingel abgestellt und nicht reagiert! Und meine Seite tat so weh!”

“Ich schaue mir das mal an, Frau Trettin!”, sagte Beate. “Die Kollegin hatte sicher viel Arbeit. Wissen Sie, sie ist nachts alleine für 36 Bewohner zuständig.”

“Ist das meine Schuld, dass die hier keine Leute einstellen?”, erwiderte die Seniorin empört und ihre Augen blitzten lebendig und voller Energie.

“Natürlich nichts, Frau Trettin! Da haben Sie völlig recht!” Als Beate sich die wunde, nässende Stelle anguckte, erschrak sie sehr. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und versprach, nach dem Frühstück in Ruhe danach zu sehen.

“Sie sind sehr nett. Dass Sie sich das überhaupt gleich angeschaut haben, junge Dame, das spricht für Sie!“

Als Beate zum dritten Zimmer aufbrach, war es bereits 7:10 Uhr. Sie verspürte leichten Stress.

Kurz machte sie sich Vorwürfe, weil sie das Bedürfnis empfand, sich zu beeilen

Die nächsten beiden Bewohner schaffte sie schnell. Doch dann kam sie zu Frau Mittrach. Sie war in Tränen aufgelöst. “Sehen Sie hier, in meinem Zimmer, da war eben ein Mann. Der hat gesagt, ich soll schnell die Butter einkaufen und sie ihm bringen. Ich muss sofort nach Hause!”

Die Dame war stark dement. Sie war schon öfters weggelaufen, um ihre Wohnung aufzusuchen. Leider gab es diese Wohnung gar nicht mehr.

“Beruhigen Sie sich doch bitte, Frau Mittrach! Hier ist niemand! Sie haben das bestimmt geträumt!”, versuchte Beate die alte Dame zu beruhigen.

“Ich weiß doch, was ich gesehen habe! Halten Sie mich für verrückt?”, entgegnete Frau Mittrach empört.

“Natürlich nicht. Ich glaube, Sie sollten jetzt erst einmal aufstehen und ganz in Ruhe frühstücken. Dann sieht alles schon wieder ganz anders aus!”

“Ich werde jetzt NICHT zum Frühstück gehen. Ich muss doch die Butter kaufen! Der Mann wird sehr böse sonst!”

Frau Mittrach weinte jetzt hemmungslos

“Ich werde Ihnen nach dem Frühstück helfen!”, versprach Beate. “Wir schauen, ob wir in den Supermarkt gehen können!”

“Ich gehe jetzt sofort los! Keine Widerrede. Ich entscheide alleine, was ich tue!”, mit diesen Worten stand die Dame entschlossen auf und begann, wahllos Dinge in ihre Handtasche zu schmeißen.

Beate wusste nicht, was nun zu tun war. Sie hastete über den Flur. “Frau Mittrach will wieder weglaufen!”, sagte sie zu Gabi.

“Du bist erst bei FRAU MITTRACH? Oh Gott. Wie lahm bist du eigentlich? In 5 Minuten müssen alle am Tisch sitzen! Los jetzt! Gib ihr Diazepam und schließ sie ein, bis sie sich beruhigt hat! Und dann weiter, hopp hopp. Wenn der Drache kommt, sind wir am Arsch!”

Beruhigungsmittel? Einsperren? Das kann ich doch nicht machen!”

“Was willst du denn sonst tun, du Mutter Theresa? Ach, mach doch was du willst! DU kannst dich dann mit dem Drachen auseinandersetzen. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!”, zischte Gabi und hastete davon.

Beate ging zum Zimmer zurück. Sie würde ganz sicher keinen alten, wehrlosen Menschen ruhigstellen und einsperren. “Die Chefin wird das verstehen!”, dachte sie bei sich. „Diese Gabi ist absolut emotionslos! Bevor ich so werde, wechsle ich den Beruf!”

In diesem Moment hörte sie eine Stimme. “Was verdammt ist hier los? Wieso fehlen so viele beim Frühstück?”, donnerte der Drache.

“Fragen Sie das die Neue! Die arbeitet nicht mit! Wenn das ihr erster Tag wäre, könnte ich es noch verstehen! Aber die ist ja schon ZWEI WOCHEN mitgelaufen! Aber sie trödelt nur herum!”

Dass Gabi sich so unkollegial verhielt, wunderte Beate nicht. Am liebsten hätte sie sich heulend in eine Ecke gesetzt. Doch schon stand der Drache vor ihr und schnaubte:

“Weswegen halten Sie den ganzen Betrieb auf? Sind Sie zu blöd zum Arbeiten?”

“Frau Mittrach…..”

“Interessiert mich nicht! Wir hatten ein Gespräch! 10 Minuten pro Bewohner, das hatte ich Ihnen erläutert!”

“Aber in dieser Situation….lassen Sie mich erklären…sie wollte weglaufen…”, stammelte Beate, völlig aufgelöst.

“Hier gibt es JEDEN TAG besondere Situationen! Sie können sich daran nicht aufhalten! Hier zählt Schnelligkeit! Alle sollen zusammen frühstücken. Jetzt müssen die WEGEN IHNEN warten! Was ist nun? Sind Sie bereit, hier mitzuarbeiten? Oder sollen wir die Probezeit gleich beenden, hier und jetzt?“

Beate wollte so viel erwidern. Dass sie nur hatte helfen wollen. Was das denn überhaupt hier für Arbeitsmethoden wären. Sie wollte der Chefin in die Augen sehen und bestimmt erklären, dass einsperren Freiheitsberaubung sei und sie den Betriebsrat einschalten würde. Und sie sich diese bescheuerten 10 Minuten pro Bewohner sonst wohin schieben könne.

Dann dachte sie an die Zeitarbeit. An ihre kleine Tochter, die sich so gefreut hatte.

„Wir schaffen das nicht! Ich brauche diese Stelle!”, dachte Beate verzweifelt

„Wo sind Sie mit ihren Gedanken? LOS jetzt! Ich sage es nicht nochmal!“ brüllte der Drache.

Beate drehte sich auf dem Absatz um und ging hoch erhobenen Hauptes davon, ohne ihre Chefin und Gabi noch eines Blickes zu würdigen. Die Senioren saßen am Tisch und frühstückten. Beate blieb stehen und lächelte ihnen zu.

„Ich wünsche Ihnen allen noch einen wunderbaren Tag!“.

Dann verließ sie das Haus und knallte die Tür hinter sich zu.

Nachwort

Diese Geschichte (Namen und Personen sind rein zufällig) ist einer Kollegin von mir haargenau so in einem Seniorenheim passiert.

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