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Pflegenotstand – Wir Pflegekräfte sind mitschuld!

Pflegenotstand in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt. Wie kann das sein – und wie konnte es soweit kommen?

Das Lächeln der Menschen ist Lohn genug

Das Lächeln der Menschen ist Belohnung genug…ich liebe meinen Job…. Ich helfe…Ich tue etwas wirklich Sinnvolles!

Das habe ich mehr als 20 Jahre lang in meinem Beruf als Pflegefachkraft geglaubt. Erst nachdem ich meinen Herzensberuf vor 6 Jahren zeitweise aufgrund der miesen Umstände und der Unvereinbarkeit von Pflege / Kleinkind / alleinerziehend sein vorerst verlassen habe, wurde mir die Absurdität dieses ausbeuterischen Systems klar.

Mittlerweile bin ich wieder an Board, weil ich den Job einfach unglaublich vermisst habe, gehe aber sehr viel reflektierter mit der Lage um als früher. Die Pause tat unglaublich gut und ich konnte erst mit Abstand sehen, was wirklich mies gelaufen ist.

Denn: Ich HABE den Menschen nicht geholfen. Nicht immer zumindest.

Was niemandem hilft

Das nun Folgende sind alles meine eigene Erfahrungen (oder manchmal die von mir bekannten Kollegen) aus verschiedenen Job Stationen in über 15 Jahren Pflege – und es gibt noch 1000 andere Beispiele.

Wem hilft es zum Beispiel, wenn…

  • ich eine Abmahnung kassiere, weil ich mich 10 Minuten zu lange mit einer einsamen Seniorin, die Redebedarf hatte, unterhalten habe? (Hier geht´s zu einer wahren Kurzgeschichte aus einem Seniorenheim)
  • Pflegekräfte wie Roboter stumpf Medikamente verteilen, um Menschen einfach ruhigzustellen – die sie in Wirklichkeit oft gar nicht brauchen?
  • wir aus Zeitmangel jemanden nicht umlagern können und er im schlimmsten Fall deswegen einen Dekubitus bekommt?
  • ich, weil 3 Leute gleichzeitig klingeln, Entscheidungen zwischen Leben und Tod treffen muss, weil ich die einzige Fachkraft auf der Station bin?
  • ein diensthabender Mitarbeiter täglich einem Bewohner einen Urinkatheter wechselt, den er gar nicht bräuchte – weil durch den Personalmangel keine Zeit für die Inkontinenz – Pflege ist und der Katheder Zeit spart?
  • wir Pflegekräfte diese elenden Zustände nicht kritisieren können, weil uns dann mit Abmahnung / Kündigung gedroht wird…oder man von Kollegen gemobbt wird?
  • ich zusehe, was für ein mieses Essen meine Klienten / Bewohner des Heimes bekommen, damit Geld gespart werden kann?
  • Pflegepersonal aus Überforderung/ Übermüdung Fehler macht?
  • wir schweigend zusehen, wie eine unfähige, frustrierte oder überforderte Kollegin die Bewohner einer Behinderteneinrichtungen anschreit, bis sie fast weinen?
  • ich meine Familie nicht mehr sehe – und keine Zeit für meine eigenen Kinder habe, weil mein Job mich auffrisst?
  • die meisten von uns hinnehmen, dass unser Dienstplan x mal pro Monat geändert wird oder wir 24 Tage oder 24 Stunden am Stück arbeiten? Den Menschen? Uns? Unserer Familie? Wir haben Arbeitnehmerrechte!
  • in einem Beruf, in dem viele Frauen arbeiten, alle hinnehmen, dass die Arbeitszeiten fast unmöglich mit Kindern zu vereinbaren sind?

Welchen Menschen genau helfe ich denn so, verdammt? ?

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele und Positives, aber es wird immer weniger, was an diesem Job noch schön ist. Der Pflegenotstand wird immer schlimmer, ständig wird von der Politik (meistens kurz vor Wahlen) gepredigt, was getan werden soll – und dann passiert wieder vier Jahre nichts.

Pflegenotstand - Krankenschwester, die die Hand auf die Schulter eines Mannes legt.

WIE helfe ich wirklich? Ein paar Ideen:

  • Ich helfe, wenn ich aussteige aus diesem unwürdigen System, laut die Missstände kritisiere oder ernsthaft demonstriere (wie die es z.B. in Israel momentan vormachen). Nicht, wenn ich helfe, diesen Scheiß zu vertuschen.
  • Und ich helfe, wenn ich, nicht nur im Geld zu verdienen, mich um pflegebedürftige Personen in meinem Umfeld kümmere. Wegen dem Pflegenotstand. Um zur Entlastung beizutragen.
  • Ich kann der alten Nachbarin einen Einkauf bringen und ein Pläuschchen halten – NICHT nur während Corona, sondern immer. Nicht nur für Geld, sondern einfach aus Menschlichkeit. Oder ich gehe in einem Seniorenheim was vorlesen. Einfach so, ganz ohne Geld. Ich weiß, klingt utopisch in dieser Kapitalisten – Ego – Welt.
  • Toll ist es auch, einem Rollstuhlfahrer beim Einsteigen in einen Bus helfen. Nicht wegzusehen. Mehr Empathie für andere Menschen aufzubringen.

Pflegenotstand – die Verantwortung der Gesellschaft

Das Wichtigste wäre wohl: Wenn sich alle gemeinsam stark machen für Verbesserungen in der Pflege – durch Gewerkschaften, durch Streiks, durch ehrliche Worte, durch Kritik, durch politisches Engagement, wie auch immer.

Obwohl ich meinen Beruf geliebt habe, bin ich, wie oben schon erwähnt, zeitweise komplett ausgestiegen, weil ich die Umstände nicht mehr hinnehmen wollte und weil ich einfach nicht mehr konnte. Hier findest du ein Interview von mir aus dieser Zeit, die nicht leicht war.

Ich bin während Corona nach vier Jahren Auszeit zurückgekehrt – mit einigen neuen Learnings und Missionen. Zu einem guten Arbeitgeber, der mir die Möglichkeit gibt, Familie und Beruf zu vereinbaren und bei dem es menschlich zugeht – vor allem den Bewohnern gegenüber. Man muss nur suchen, dann findet man so etwas.

Pflegekräfte sollten sich endlich zusammen tun und streiken. Gemeinsam mit der ganzen Gesellschaft. Und zwar richtig. Nicht einmal Corona konnte ein Umdenken beim Thema Pflegenotstand bewirken. Und dann wundert man sich, dass die meisten Pflegekräfte sagen:

Ihr könnt uns mal mit eurem Applaus!

Der Applaus ist längst verebbt – Die Pflege ist den meisten wieder scheißegal – bis sie dann selbst alt sind oder krank werden.

Von der Politik brauchen wir gar nicht reden, denn natürlich werden die nichts ändern.

Da wird mit dem Helfersyndrom gespielt, da werden Menschen ausgenutzt, die von Herzen gut sind und eine Arbeit machen, die mit Geld gar nicht bezahlt werden kann! ?

Nur: So, wie es ist, ist es noch nicht mal mehr HILFE. Die Klienten leiden, die Pflegekräfte und ihre Familien, vor allem die eigenen Kinder, für die keine Zeit bleibt, leiden.

Am Ende leidet auch die ganze Gesellschaft darunter. Die Gleichgültigkeit, was dieses Thema betrifft, verstehe ich bei keinem, denn wir werden alle alt, viele erkranken und jeder ist auf seine Weise vom Pflegenotstand betroffen.

Es liegt an uns – und zwar NICHT nur an den Betroffenen, sondern auch an den „normalen“ Bürgern, die auf ein solch menschenunwürdiges Ausbeutungssystem einfach keinen Bock mehr haben!

Charlotte

Vielseitige Autorin & Bloggerin, Onlinebiz Solopreneurin, Minimalistin, Mutter, Ex - Pflegekraft, Veganerin, auf dem Weg zu Zerowaste, autofrei. Wer versucht, mich in eine Schublade zu stecken, dem klemme ich darin den Finger ein.

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